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Gartenkultur

Wert und Chancen der ländlichen Gartenkultur - Dr. Jens Beck

Ausprägungen der Gartenkultur
Das nun schon einige Jahrtausende andauernde Wirken des Menschen hat aus den verschiedenen Naturlandschaften der Erde sehr unterschiedliche Kulturlandschaften entstehen lassen. Die Gartenkultur hat daran einen zwar kleinen, sicherlich aber einen positiv zu bewertenden Anteil. Von Anfang an – soweit sich dies überblicken lässt – gab es einen wesentlichen Unterschied zwischen der ländlichen und der siedlungsgebundenen Gartenkultur. Während erstere in der Regel sehr stark in den Naturraum eingebettet ist und eher der Erhaltung der Lebensgrundlagen dient, treten bei letzterer oft gestalterisch- künstlerische Absichten in den Vordergrund, die nach Repräsentation und Ausdruck streben. Dass es dabei ständig zu einer wechselseitigen Beeinflussung kommt, liegt in der Natur der Sache. Bis heute lässt sich dieses Phänomen beobachten, denn auch beim aktuellen „urban gardening“ ist die vordergründige Selbstversorgung oft gepaart mit einer bestimmten Geisteshaltung; umgekehrt finden sich auf dem Land nicht nur Obstwiesen, sondern auch Gärten, die voll sind von den auf Gartenschauen angebotenen Produkten. Und auch offenkundige Widersprüche zwischen ländlicher und städtischer Gartenkultur lassen sich beobachten: Die seit einigen Jahren erfolgreich und in großer Zahl auf den Markt gekommenen Gartenzeitschriften, die das ländliche Leben preisen, werden paradoxerweise von einem Großstadtpublikum gelesen, umgekehrt ist es in vielen abgelegenen Regionen kaum möglich, ländliche Produkte zu kaufen, die eher in den Städten angeboten werden. Fast scheint es so, als wäre die ländliche Gartenkultur nur noch eine Fiktion der zunehmend von den wachsenden Großstädten geprägten Lebenswelt.

Ländliche Gartenkultur als Chance
Bei genauerem Hinsehen ist dies jedoch nicht der Fall. Gerade in den letzten Jahren macht sich ein neues Interesse an regionaler Gartenkultur bemerkbar. Indizien dafür sind beispielsweise Aktivitäten wie die „Offenen Pforten“ auf dem Land, lose Zusammenschlüsse von Gartenbesitzern, die ihre Anlagen ein- oder mehrmals im Jahr der Öffentlichkeit zugänglich machen und damit ein wachsendes Publikum erreichen; oder die inzwischen vielerorts veranstalteten Aktionen wie Apfeltage, Narzissen Feste oder ländliche Märkte. Und es ist ein wachsendes Bedürfnis in vielen Regionen spürbar, der oft beklagten Landflucht etwas entgegen zu setzen. Die Gartenkultur ist dazu so gut geeignet wie kaum etwas anderes; und das aus mehreren Gründen. Die ländliche Gartenkultur ist erstens sehr stark auf die einzelne Region bezogen. Sie ist durch örtliche Faktoren und Traditionen sowie die Menschen vor Ort geprägt. Sich mit ländlicher Gartenkultur zu beschäftigen – sei es in der Praxis, sei es in der Theorie – bedeutet immer auch, sich mit der Region und den Menschen dort zu befassen. Allen Globalisierungstendenzen zum Trotz verankert die Gartenkultur einer Region die Menschen genau an einem bestimmten Ort, wie abgelegen er auch immer sein mag. Das Gärtnern oder Forschen vor Ort verbindet das eigene Tun und persönliche Erfahrungen mit der langen Gartengeschichte, die vorhandene Kultur wird aufgegriffen und fortgeführt. Es entwickelt sich eine regionale Bindung, die eine Voraussetzung für die Entwicklung einer regionalen Identität ist. Dem kommt zweitens ein seit einigen Jahren spürbares Interesse an regionaler Geschichte zugute. Standen lange vor allem die kulturellen Zentren im Mittelpunkt der öffentlichen und fachlichen Aufmerksamkeit, so richtet sich gegenwärtig der Blick auf die Frage, wie sich die großen Strömungen der Geschichte konkret in einer Region, in dem Dorf, sogar in einem einzelnen Hof niedergeschlagen haben. Die Gartenkultur bietet dafür besonders anschauliche Beispiele. Gerade sie eignet sich besonders, das Leben einer vergangenen Zeit anschaulich und lebendig werden zu lassen. Und es ist drittens möglich, diesen Bezug zur Geschichte mit eigener, kreativer Aktion zu verbinden. In einer Lebenswelt, die einer zunehmenden Reglementierung ausgesetzt ist, bietet die Gartenkultur einen großen Spielraum für selbstbestimmtes Handeln. Von dem wenig konsumorientierten Liegen in der Hängematte bis hin zum Ausleben einer persönlichen Leidenschaft, die keiner Rechtfertigung bedarf, wird der Garten heute als Ort individueller Freiheit neu entdeckt. Der Garten ist – viertens – ein Ort, an dem sich kulturelles Leben entfalten kann. Denn in der Regel ist ein Garten oder ein gestaltetes Stück Landschaft ein in vieler Hinsicht offenes Gebilde und in der Lage, andere Aktivitäten aufzunehmen. Ein Garten ist daher ein idealer Ort, um verschiedene Initiativen zusammen zu bringen. Sei es Musik, Kunst, Feste aller Art, Spiel und Sport, Bildung und Wissenschaft – für all dies kann ein Garten sowohl Rahmen als auch Anschauungsobjekt sein. Eine inspirierende Umgebung für die Begegnung unterschiedlicher Interessengruppen und eine bessere Möglichkeit zur Vernetzung regionaler Akteure ist kaum denkbar.   

Gartenkultur als Anziehungsmagnet
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass die Gartenkultur nach wie vor eine hohe Anziehungskraft besitzt und sich sehr gut in modernes Marketing, in touristische Konzepte und andere Kampagnen einbinden lässt. Die Gartenkultur kann eine Region aufwerten, sie ist gleichbedeutend mit Lebensqualität und besitzt ein überaus positives Image. Damit gehört sie zu den weichem Standortfaktoren, denen heute bei der Konkurrenz der Regionen eine wachsende Bedeutung zukommt. Bei entsprechender Qualität und Quantität unterstützt sie wirtschaftliche Entwicklungen. Sie kann Konflikte entschärfen und wirkt integrierend, denn das gemeinsame Gärtnern verbindet und bringt im besten Fall Bevölkerungsgruppen zueinander, die ansonsten keine Begegnungsmöglichkeiten haben. Es gibt kaum eine Tätigkeit, die so universell und für alle zugänglich ist. Eine Region, die über eine vielfältige, lebendige Gartenkultur verfügt, ist anderen Regionen deutlich überlegen. Ob allerdings die Gartenkultur darüber hinaus etwas zur Lösung der drängenden Probleme beitragen kann, mit denen der ländliche Raum heute konfrontiert wird, hängt meist von den regionalen Initiativen ab. Werden sie entsprechend unterstützt, dann können sie auch eine positive Wirkung entfalten, die über ihre eigentlichen Anliegen weit hinausgeht. Wichtig ist dabei, dass den örtlichen Vereinen, Gemeinden oder engagierten Einzelpersonen Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden. Dies muss nicht immer mit finanzieller Zuwendung verbunden sein, manchmal sind auch unbürokratische Wege zur Lösung von Problemen hilfreich. In jedem Fall sollten den örtlichen Initiativen mehr Aufmerksamkeit und auch Anerkennung zukommen, denn sie können für die Zukunft einer Region mit entscheidet sein.